Schluss mit Reklame!
Veröffentlicht von Christoph Magnussen um 11:52

Lady Pandacat von Nopants/flickr
Diese Spezialisierung ist vor allem für Marketeers Segen und Fluch zugleich: Zum einen können Sie nun viel schneller und gezielter potenzielle Konsumenten ansprechen, zum anderen sind auch ihre Kosten oft deutlich geringer und der so erzielte ROI um ein Vielfaches höher, als bei herkömmlichen Marketing-Maßnahmen. Problematisch wird es allerdings, wenn man ein möglichst großes Publikum ansprechen möchte, hier können die Kosten ganz schnell durch die Decke gehen! Außerdem erfordert es viel Arbeit und Know-how, um jeden einzelnen Kanal für sich zu erschließen und richtig zu nutzen.
Spielt sich Marketing zukünftig also nur noch in der Nische ab? Die Antwort ist ein klares „Jein!“ Zwar werden die Kanäle mehr, jedoch lässt sich auf der anderen Seite auch ein Gegentrend beobachten, nämlich das Verschmelzen hin zu einer einzigen Schaltzentrale, dem User selbst. Von hier aus kann er Statusmeldungen, Tweets oder Empfehlungen in die Welt hinausschicken. Wie es ihm beliebt, wann es im beliebt und von wo es ihm beliebt. Das Internet wird mobil und Cloud-Computing ein immer wichtigerer Aspekt: Vorbei sind die Zeiten in denen blasse Nerds vor ihrem Dektop-PC festklebten! Das Kabel hat schon lange ausgedient, und bald auch der Computer selbst – zumindest in der Form, wie wir ihn noch kennen.
Die Grenzen zwischen Realität und Cyberspace verschwimmen zusehends, eine Entwicklung, die vor allem bei Geo-Tagging deutlich wird (man nehme nur die Ortungsfunktion der iPhone-Kamera). Deshalb wird es immer mehr vonnöten sein, Marketing-Kampagnen stärker auf und mit dem Kunden abzustimmen. Nur er selbst entscheidet, was er wahrnimmt und was nicht. Marketing wird zunehmend viraler und dadurch auch abhängiger von den Kunden selbst: In Zukunft werden uns Kampagnen von allen Seiten erreichen – unsere Freunde mit eingeschlossen!
Was bleibt also zu tun? Abwarten und Tee trinken ist sicherlich die schlechteste Alternative! Unternehmen müssen erkennen, dass Konsumenten nicht nur stumme Empfänger, sondern auch Multiplikatoren sein können. Umso wichtiger ist es also, sie vom Nutzen eines Produktes zu überzeugen, oder noch besser, dafür zu begeistern. Das ist natürlich leichter gesagt, als getan, da Konsumenten gleichzeitig auch immer anspruchsvoller werden und eine plumpe Anbiederungsmasche schneller durchschauen als einem lieb sein kann. Wer weiterhin Kunden mit billiger Reklame statt smarter Werbung zuballert, der wird als Marktschreier auf dem Jahrmarkt enden. Unternehmen müssen deshalb, mehr noch als je zuvor, aufrichtiges Interesse am Kunden zeigen und diesem Wunsch auch ehrliche Taten folgen lassen. Dann, und nur dann, werden sie es schaffen auch im Web 3.0, 4.0, 5.0, … 1000.0 weiterhin zu bestehen.
Was mir nicht einleuchtet, ist, wie man einerseits die Penetranz der Werbung, die uns täglich umgibt, anprangern kann und gleichzeitig ein Geschäftsmodell pflegt, welches diesen Terror nun auch noch in unsere private Spähre trägt.
Nun ist es ja keinesfalls so, dass man sich hier auf echte Mundpropaganda verlässt, sondern hier werden gezielt materielle Anreize geschaffen, um Menschen dazu zu bringen, erworbenes Vertrauen für ökonomische Interessen nutzbar zu machen. Wenn die ganzen “Botschafter” reine Überzeugungstäter wären, könnte man deren Verhalten ohnehin nicht steuern, und das ganze Geschäftsmodell wäre hinfällig.
Was hier so revolutionär neu gedacht scheint, ist im Grunde nichts anderes als das, was bereits seit Jahrzehnten in Schneeball- und Pyramidensystemen praktiziert wird: Persönliche Beziehungen werden zur Profitgenerierung ausgenutzt.
Während die Teilnehmer solcher Systeme immerhin noch die Chance hatten, selber den Reibach zu machen, wenn sie nur gerissen und kaltschnäuzig genug waren, geben sich “Markenbotschafter” mit ‘nem Aufkleber zufrieden und einer darf am Ende für drei Tage nach Mallorca fliegen.
Die Verkaufsprovision ist eine der vornehmsten kaufmännischen Bräuche, aber nicht einmal das gönnt man den “Botschaftern”; sie werden abgespeist mit einem Gefühl, etwas Gutes getan zu haben und die Provision schöpfen die ab, die von allen Beteiligten das denkbar geringste Interesse am Produkt haben: Die Botschafteragentur.
Letztlich entscheidet natürlich jeder aus freien Stücken, ob er sich auf ein solches Spiel einlässt. Ich vermute, viele tun das einfach aus einer Art naiver Hilfsbereitschaft heraus. Dass sie letztlich nur ausgenutzt werden und ihr Engagement auch nur so lange gefragt ist, wie sie das Produkt gut finden, merken sie freilich nicht einmal. Insofern bleibt messbar nur ein moralischer Schaden. Aber da ist unsere ursprünglich humanistisch geprägte Marktwirtschaft offensichtlich hart im Nehmen, wenn man sie die vergangenen Jahrzehnte ansieht.