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Schluss mit Reklame!

Schluss mit Reklame!

Lady Pandacat von Nopants/flickr

Letzte Woche fand in London die „Social Media Marketing Conference“ statt, eines der größten und wichtigsten Events in Europa im Bereich der digitalen Medien. Dort traten u. a. Szenegrößen wie Chris Brogan oder Matt Morrison auf und sprachen über aktuelle Trends und Prognosen für das Web 2.0. Aus diesem gegebenen Anlass möchten auch wir nun einmal einen Blick in die Zukunft wagen und laut darüber nachdenken, was in den kommenden Monaten und Jahren noch so alles auf uns zukommen wird.
Vergleichen wir den Markt heute mit dem vor etwa 2 Jahren, können wir bereits einen ersten Trend ausmachen: Soziale Netzwerke spezialisieren sich zunehmend. War man früher in maximal zwei Netzwerken aktiv, so sind es heute oft deutlich mehr. Neben seinem Facebook- und Twitter-Profil pflegt man nun auch noch eines von Xing, Flickr, u. ä. Während man Facebook vor allem dazu nutzt, mit Freunden in Kontakt zu bleiben, werden Twitter und Flickr gerne in Anspruch genommen, der übrigen Welt seine Einfälle und Gedanken mitzuteilen oder ein paar coole Fotos zu posten. Diese Art von Entwicklung ist im Grunde nichts Besonderes und hat in ähnlicher Form schon einmal stattgefunden, z. B. mit der Einführung des Privatfernsehens, Anfang der 80er: Hatte der Zuschauer bis dato oft nur drei mehr oder weniger universelle Kanäle zur Auswahl, konnte er sich von nun an sein Lieblingsprogramm aus einer Vielzahl themenbezogener Spartenkanäle selbst zusammenstellen.

Diese Spezialisierung ist vor allem für Marketeers Segen und Fluch zugleich: Zum einen können Sie nun viel schneller und gezielter potenzielle Konsumenten ansprechen, zum anderen sind auch ihre Kosten oft deutlich geringer und der so erzielte ROI um ein Vielfaches höher, als bei herkömmlichen Marketing-Maßnahmen. Problematisch wird es allerdings, wenn  man ein möglichst großes Publikum ansprechen möchte, hier können die Kosten ganz schnell durch die Decke gehen! Außerdem erfordert es viel Arbeit und Know-how, um jeden einzelnen Kanal für sich zu erschließen und richtig zu nutzen.

Spielt sich Marketing zukünftig also nur noch in der Nische ab? Die Antwort ist ein klares „Jein!“ Zwar werden die Kanäle mehr, jedoch lässt sich auf der anderen Seite auch ein Gegentrend beobachten, nämlich das Verschmelzen hin zu einer einzigen Schaltzentrale, dem User selbst. Von hier aus kann er Statusmeldungen, Tweets oder Empfehlungen in die Welt hinausschicken. Wie es ihm beliebt, wann es im beliebt und von wo es ihm beliebt. Das Internet wird mobil und Cloud-Computing ein immer wichtigerer Aspekt: Vorbei sind die Zeiten in denen blasse Nerds vor ihrem Dektop-PC festklebten! Das Kabel hat schon lange ausgedient, und bald auch der Computer selbst – zumindest in der Form, wie wir ihn noch kennen.

Die Grenzen zwischen Realität und Cyberspace verschwimmen zusehends, eine Entwicklung, die vor allem bei  Geo-Tagging deutlich wird (man nehme nur die Ortungsfunktion der iPhone-Kamera). Deshalb wird es immer mehr vonnöten sein, Marketing-Kampagnen stärker auf und mit dem Kunden abzustimmen. Nur er selbst entscheidet, was er wahrnimmt und was nicht. Marketing wird zunehmend viraler und dadurch auch abhängiger von den Kunden selbst: In Zukunft  werden uns Kampagnen von allen Seiten erreichen – unsere Freunde mit eingeschlossen!

Was bleibt also zu tun? Abwarten und Tee trinken ist sicherlich die schlechteste Alternative! Unternehmen müssen erkennen, dass Konsumenten nicht nur stumme Empfänger, sondern auch Multiplikatoren sein können. Umso wichtiger ist es also, sie vom Nutzen eines Produktes zu überzeugen, oder noch besser, dafür zu begeistern. Das ist natürlich leichter gesagt, als getan, da Konsumenten gleichzeitig auch immer anspruchsvoller werden und eine plumpe Anbiederungsmasche schneller durchschauen als einem lieb sein kann. Wer weiterhin Kunden mit billiger Reklame statt smarter Werbung zuballert, der wird als Marktschreier auf dem Jahrmarkt enden. Unternehmen müssen deshalb, mehr noch als je zuvor, aufrichtiges Interesse am Kunden zeigen und diesem Wunsch auch ehrliche Taten folgen lassen. Dann, und nur dann, werden sie es schaffen auch im Web 3.0, 4.0, 5.0, … 1000.0 weiterhin zu bestehen.

Diskussion

  1. Katja van Terssen sagt:

    Was mir nicht einleuchtet, ist, wie man einerseits die Penetranz der Werbung, die uns täglich umgibt, anprangern kann und gleichzeitig ein Geschäftsmodell pflegt, welches diesen Terror nun auch noch in unsere private Spähre trägt.

    Nun ist es ja keinesfalls so, dass man sich hier auf echte Mundpropaganda verlässt, sondern hier werden gezielt materielle Anreize geschaffen, um Menschen dazu zu bringen, erworbenes Vertrauen für ökonomische Interessen nutzbar zu machen. Wenn die ganzen “Botschafter” reine Überzeugungstäter wären, könnte man deren Verhalten ohnehin nicht steuern, und das ganze Geschäftsmodell wäre hinfällig.

    Was hier so revolutionär neu gedacht scheint, ist im Grunde nichts anderes als das, was bereits seit Jahrzehnten in Schneeball- und Pyramidensystemen praktiziert wird: Persönliche Beziehungen werden zur Profitgenerierung ausgenutzt.

    Während die Teilnehmer solcher Systeme immerhin noch die Chance hatten, selber den Reibach zu machen, wenn sie nur gerissen und kaltschnäuzig genug waren, geben sich “Markenbotschafter” mit ‘nem Aufkleber zufrieden und einer darf am Ende für drei Tage nach Mallorca fliegen.

    Die Verkaufsprovision ist eine der vornehmsten kaufmännischen Bräuche, aber nicht einmal das gönnt man den “Botschaftern”; sie werden abgespeist mit einem Gefühl, etwas Gutes getan zu haben und die Provision schöpfen die ab, die von allen Beteiligten das denkbar geringste Interesse am Produkt haben: Die Botschafteragentur.

    Letztlich entscheidet natürlich jeder aus freien Stücken, ob er sich auf ein solches Spiel einlässt. Ich vermute, viele tun das einfach aus einer Art naiver Hilfsbereitschaft heraus. Dass sie letztlich nur ausgenutzt werden und ihr Engagement auch nur so lange gefragt ist, wie sie das Produkt gut finden, merken sie freilich nicht einmal. Insofern bleibt messbar nur ein moralischer Schaden. Aber da ist unsere ursprünglich humanistisch geprägte Marktwirtschaft offensichtlich hart im Nehmen, wenn man sie die vergangenen Jahrzehnte ansieht.

  2. Katharina Lastro sagt:

    Hallo Katja, vielen Dank für Deinen Kommentar! Natürlich versucht man mit “Embedded Branding” und “Word of Mouth” Werbebotschaften mehr in den Alltag der Konsumenten zu integrieren, genauso wie bei Print und TV. Mit Schneeballsystemen hat das aber überhaupt nichts zu tun! Markenbotschafter werden nicht “benutzt” um minderwertige Produkte feilzubieten, sie sind überzeugte Konsumenten, denen im Rahmen einer Kampagne die Möglichkeit gegeben wird, diese Begeisterung öffentlich zu machen. Sie erhalten nicht nur “ein paar Aufkleber”, sie werden viel mehr zu einem Teil des Unternehmens, lernen es besser kennen und können sogar an Produktneuentwicklungen mitwirken. Somit können sie nicht nur ihrer Lieblingsmarke näher sein und Gleichgesinnte treffen, sondern haben auch noch jede Menge Gesprächsstoff für die nächste Party oder Kaffeeplausch mit Freunden. Jede Kampagne wird ausschließlich auf freiwilliger Basis durchgeführt, sobald jemand keine Lust mehr haben sollte, kann er jederzeit sein Amt niederlegen. Somit ist Botschafter-Marketing deutlich ehrlicher als herkömmliche Werbung, denn sie kommt von jemandem, dem ich vertraue und der das Produkt wirklich ausprobiert hat und nicht von irgendwelchen Marketing-Leuten, die mir in einem Werbespot das “Blaue vom Himmel” versprechen. Dass ein Unternehmen natürlich auch Profit machen will, ist wohl klar, ob dies nun rechtens ist oder nicht, steht auf einem anderen Blatt und würde den Rahmen dieser Diskussion sicherlich sprengen.

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